Bornheim, das lustige Dorf
Jubel, Trubel, Heiterkeit bestimmen die Atmosphäre in Frankfurts größtem Stadtteil Bornheim. Vor allem, wenn Festlichkeiten wie Bornheims berühmte Kirmes begangen wird, die in und um Frankfurt immer wieder allergrößte Beachtung findet. Sie ist ja auch beachtenswert die "Bernemer Kerb", finden sich doch jedes Jahr aufs Neue sämtliche Vereine, Parteien, Initiativen und Bewohner Bornheims zu ausgelassenen Feiern auf dem Festplatz "Weiße Erde" zusammen: Ein Ausdruck "quitschfideler" Mentalität, der großen Lust an Bornheims Völkchens, das Geschichte hat.
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01er beim Kerbe-Umzug 1994 (1200 Jahre Frankfurt am Main - 800 Jahre Bornheim) |
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Schon lange vor seiner Eingemeindung im Jahre 1877 galt Bornheim - erstmals unter dem Namen "Bouriniheim" im Jahre 1059 urkundlich erwähnt - als das "lustige Dorf", dem bereits zu Zeiten des lutherischen Purismus allzu große Vergnügungssucht nachgesagt wurde. Vor mehr als 200 Jahren geriet es schließlich sogar in den Ruf einer gewissen Sittenlosigkeit. Denn in mehreren Bornheimer Gastwirtschaften gab es - man lese und staune - Damenbedienungen, zu jener Zeit ein wahrer Inbegriff der Lasterhaftigkeit. So schilderte 1744 ein Autor namens Müller in seinen Reisebeschreibungen "das Dorf als einen Ort derber Genußfreudigkeiten und die Stätte, wo Tanzbelustigungen, Hazardspiel und der Dienst der Venus Vulgivaga eifrigst gepflegt wurden".
Anlässe zum Feiern gab es im "lustigen Dörfchen" Bornheim scheinbar genug. Sei es das große Schießen im Jahre 1780 auf der Bornheimer Heide, oder der fünf Jahre spätere Ballonflug Blanchards ein gleicher Stelle. Hunderttausende von begeisterten Zuschauern sollen dem Luftfahrt-Pionier zugejubelt haben, als dieser am 3.Oktober Punkt 10.30 Uhr mit seinem Heißluftballon zu seinem Flug über den Taunus entschwebte. Glaubt man den Chronisten, so muß die Heide - die im übrigen heute nicht mehr existiert - schwarz vor Menschen gewesen sein, nebst all dem jahrmärktlichen Getreibe und sonstigem, was so eine sensationslustige Menschenmenge eben mit sich bringt.
Die Beliebtheit Bornheims als Ort "derber Vergnügungen" blieb, allen Bemühungen der Obrigkeit und des Klerus zum Trotz, noch weit in das 19.Jahrhundert erhalten. Noch im Jahre 1818 hielt Pfarrer Anton Kirchner in seiner "Ansichten über Frankfurt am Main" nur drei bis vier der Gasthöfe Bornheims, "des beliebtesten Ausflugsortes einer wohlhabenden Stadt", für besuchenswürdig. Allerdings erwähnte er auch lobend, daß das Niveau des Dorfes sich jetzt sichtlich gehoben habe und besser sei als man ihm nachsage. Der schlechte Ruf Bornheims zu jener Zeit hinderte die Stadt Frankfurt jedoch nicht daran, das "lustige Dorf" mit samt seinen Lastern und Damenbedienungen einzugemeinden. Brachte doch das Dorf Bornheim mit seinen großen Flächen baureifer Ländereien und der so gut wie schuldenfreien Verwaltung, eine reiche Mitgift in die "Ehe" ein. Ein Traum, der der heutige Stadtkämmerer im übrigen auch träumen dürfte.
Von nun an ging die Entwicklung des ehemaligen Dörfchens schnell und stetig voran. 1878 wurde Bornheim an die Vogelsberger Quellwasserleitung angeschlossen und bereits ein Jahr später fuhr die erste Pferdebahnlinie durch Bornheims Straßen. In den Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende erlebte Bornheim einen regelrechten Bau-Boom. An allen Ecken und Straßen wurden Mietshäuser errichtet. "Die Stadt in der Stadt" wuchs und wuchs und mit ihr die Bevölkerung, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts bereits die 100.000er Schwelle erreicht hatte. Kurzzeitig durch die Zerstörung im 2.Weltkrieg unterbrochen, setzte sich die sprunghafte Entwicklung Bornheims in den Zeiten des Wiederaufbaus fort. Inzwischen ist das ehemalige lustige Dörfchen zu einem der größten Frankfurter Stadtteile geworden. Der stetig hämmernde Meißel der Zeit hat freilich vieles verändert, aber so manches von damals ist auch heute noch vorzufinden. Im alten Kern Bornheims hat sich bis heute Dörfliches, Verwinkeltes und ebenerdig Gebautes erhalten. Auch die hochgerühmten Wirtshäuser von damals, mit ihren großen Gärten, gibt es gegenwärtig teilweise immer noch. Auch der Wein, der vielgerühmte "Ebbelwei" wird Ihnen natürlich noch immer von hübschen Kellnerinnen serviert - eine "Lasterhaftigkeit", die heute freilich niemand mehr stört und überall verbreitet ist.
Geblieben ist auch der Status Bornheims als beliebtestes Ausflugsziel, der in vielen Tagebüchern, Briefschaften, Memoiren und Reisebeschreibungen vergangener Zeiten geschildert und gelobt wurde. Wenn man in Frankfurt war, musste man auch nach Bornheim gehen, der guten Luft wegen, der Landschaft, der Wirtschaften und natürlich auch wegen derer weiblichen Bedienungen.
Die Auswärtigen und vor allem aber die Frankfurter gingen damals schon gerne ins "lustige Dorf". Und - dies sei Ihnen versichert - sie tun es noch heute.